top of page

Langsamkeit ist der Weg – nicht das Ziel

Ich habe mein ganzes Leben lang Kampfkünste geübt. Von den ersten Tagen, in denen ich mit rauen Händen auf hartem Boden stand, bis zu den stillen Morgenstunden, in denen ich mich heute im Nebel bewege, immer wieder bin ich zu einer Erkenntnis zurückgekehrt:

„Langsamkeit ist nicht die Essenz des Taiji. Sie ist die Methode, die Essenz zu kultivieren.“


Diese Einsicht kam nicht über Nacht. Sie wuchs über Jahre der Praxis, des Beobachtens und des Loslassens.


ree

Warum Langsamkeit im Formtraining zentral ist


1. Langsamkeit zeigt Struktur

Wenn ich mich langsam bewege, entlarve ich mich selbst. Jede Fehlausrichtung, jede unbewusste Spannung, jede Lücke in der Absicht wird sichtbar.Langsamkeit zwingt mich zur Ehrlichkeit.


In der Präzision (Jing), der Entspannung (Song) und dem zentralen Gleichgewicht (Zhong Ding) entsteht eine neue Qualität: Der Körper wird nicht länger ein Werkzeug – er wird ein Gefäß für Prinzip.Im Tempelstil sagen wir: „Erst wenn die Struktur still ist, kann das Prinzip einziehen.“


2. Langsamkeit kultiviert das innere Zuhören

In der Langsamkeit beginne ich zu hören, nicht mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper. Dieses Hören nennen wir Ting Jin, die „Hörenergie“.

Ich spüre den Dantian drehen, den Atem fliesst, die Wirbelsäule sich öffnen und das Gewicht von Fuss zu Fus tanzen. Die Form wird zu einer Art innerem Lauschen, einer leisen Konversation zwischen Geist, Körper und Qi.


3. Langsamkeit baut das Nervensystem auf

Ich habe gelernt: Neuroplastizität liebt Bewusstheit. Nur was bewusst wiederholt wird, prägt sich tief ein. Deshalb ist die Langsamkeit kein ästhetisches Ideal, sondern eine Trainingsstrategie des Nervensystems.


Gerade in traumainformierter Arbeit, in der Jugendförderung oder in somatischer Heilung zeigt sich das deutlich: Langsamkeit gibt Sicherheit. Sie baut neue Muster, neue Wege, neue Möglichkeiten.


Warum andere Trainingsmethoden nicht langsam sind


1. Tui Shou – die Hände schieben

Hier lerne ich zu reagieren, nicht zu kontrollieren.Ich lausche auf den anderen, auf seine Struktur, seine Absicht. Tui Shou geschieht in mittlerer Geschwindigkeit, weil das Verhältnis, nicht die Form, im Mittelpunkt steht.


2. Fa Jin – die explosive Energie

Fa Jin ist das plötzliche Aufblitzen von gespeicherter Kraft. Es ist der Moment, in dem das Yin der Form sich in Yang verwandelt. Man kann Fa Jin nicht langsam ausführen, nur verstehen, was ihm zugrunde liegt.


3. Kampfanwendungen

Wenn es um Anwendung geht, zählt Timing, Präzision und Druckfestigkeit. Doch auch hier: Geschwindigkeit entsteht aus Langsamkeit. Was ich im Stillen verfeinert habe, kann im Sturm bestehen.


Das Gleichgewicht von Yin und Yang

Langsamkeit ist, wie wir den Tempel bauen.Schnelligkeit ist, wie wir hindurchgehen.

Zitat: „Wir trainieren langsam, um uns zu erinnern.

Wir handeln schnell, um zu antworten.


Beides gehört zum Weg – es ist wesentlich und Ausdruck der Natur des Fliessens. Be Water.

Kommentare


bottom of page