Nutzen oder schaden die NordICC-Ergebnisse der Darmkrebsfrüherkennung?
Was die Forschung zeigt – und was das für deine Vorsorge bedeutet.
Hilft eine Darmspiegelung dabei, Darmkrebs zu verhindern? Die NordICC-Studie liefert dazu wichtige Erkenntnisse. Gleichzeitig zeigt sie, warum wissenschaftliche Ergebnisse sorgfältig eingeordnet werden müssen.
Die zentrale Aussage: In der zur Vorsorgekoloskopie eingeladenen Gruppe traten weniger Darmkrebsfälle auf. Eine statistisch eindeutige Senkung der Darmkrebssterblichkeit wurde in der Hauptauswertung bislang nicht nachgewiesen. Das gilt auch für die 2026 veröffentlichten Ergebnisse nach 13 Jahren. [1, 2]
Das ist weder ein Beweis dafür, dass Darmspiegelungen nutzlos sind, noch eine Grundlage für übertriebene Schutzversprechen.
Wissenschaftliche Einordnung: Veröffentlichungen von 2022, 2025 und 2026. Das Titelbild ist ein Symbolbild, keine Aufnahme aus der Studie.
Was wurde bei NordICC untersucht?
NordICC ist eine randomisierte kontrollierte Studie: Die Teilnehmenden wurden nach dem Zufallsprinzip unterschiedlichen Gruppen zugeteilt.
Eine Gruppe erhielt eine Einladung zu einer einmaligen Vorsorgekoloskopie, also einer Darmspiegelung. Die Vergleichsgruppe erhielt keine entsprechende Studieneinladung und wurde im Rahmen der üblichen Versorgung betreut.
Die 2022 veröffentlichte Zehn-Jahres-Auswertung umfasste 84’585 Menschen aus Polen, Norwegen und Schweden, die bei Studienbeginn zwischen 55 und 64 Jahre alt waren. Nur 42 Prozent der eingeladenen Personen nahmen die Untersuchung tatsächlich wahr. [1]
Wichtig ist deshalb: Die Hauptauswertung untersucht die Wirkung eines Vorsorgeangebots unter realen Teilnahmebedingungen – nicht ausschliesslich die Wirkung bei Menschen, die sich tatsächlich untersuchen lassen.
Die Ergebnisse nach zehn Jahren
In der eingeladenen Gruppe lag das Darmkrebsrisiko bei 0,98 Prozent, in der Vergleichsgruppe bei 1,20 Prozent. Die Studie berichtet eine relative Risikosenkung von 18 Prozent. [1]
Bei der Darmkrebssterblichkeit lagen die Werte bei 0,28 Prozent gegenüber 0,31 Prozent. Dieser Unterschied war statistisch nicht eindeutig. [1]
Weniger Krebsdiagnosen und weniger Krebstodesfälle sind unterschiedliche Ergebnisse. Sie dürfen nicht miteinander vermischt werden. Auch relative Risikosenkungen sind nicht mit einer Senkung um dieselbe Anzahl Prozentpunkte gleichzusetzen.
Neu: Was die 13-Jahres-Daten von 2026 ergänzen
Die längere Nachbeobachtung bestätigt den Unterschied bei den Darmkrebsfällen:
- Darmkrebsrisiko: 1,46 Prozent in der eingeladenen Gruppe gegenüber 1,80 Prozent in der Vergleichsgruppe.
- Darmkrebssterblichkeit: 0,41 Prozent gegenüber 0,47 Prozent.
Die Senkung der Darmkrebsfälle war statistisch signifikant. Für die Darmkrebssterblichkeit blieb der Unterschied statistisch nicht eindeutig. Zudem traten insgesamt weniger Darmkrebstodesfälle auf, als bei der Planung der Studie erwartet worden war. [2]
Ein Nutzen hinsichtlich der Erkrankungshäufigkeit ist nachgewiesen. Wie gross der Einfluss auf die Sterblichkeit ist, bleibt mit Unsicherheit verbunden. «Nicht statistisch eindeutig» bedeutet nicht, dass ein Nutzen sicher ausgeschlossen ist.
Warum die Teilnahme so wichtig ist
Eine Einladung allein entfernt keine Krebsvorstufen. Dazu muss die Untersuchung stattfinden.
Zusätzliche Auswertungen, die die tatsächliche Teilnahme berücksichtigen, deuten auf stärkere Effekte hin. Sie beruhen jedoch auf weiteren statistischen Annahmen und sind nicht genauso zu bewerten wie der ursprüngliche Vergleich der zufällig zugeteilten Gruppen.
Die im Medical-Tribune-Beitrag genannte Senkung der Darmkrebssterblichkeit um 50 Prozent stammt aus einer solchen ergänzenden Auswertung der früheren Daten. Sie ist keine garantierte Schutzwirkung für jede untersuchte Person. [4]
Darmspiegelung oder Stuhltest?
Bei einer Darmspiegelung können Ärztinnen und Ärzte den Darm untersuchen und bestimmte Polypen direkt entfernen.
Der immunologische Stuhltest, kurz FIT, sucht nach nicht sichtbarem Blut im Stuhl. Er ist einfacher durchzuführen, muss aber regelmässig wiederholt werden. Ein auffälliger Befund muss durch eine Darmspiegelung abgeklärt werden.
Eine weitere grosse randomisierte Studie, COLONPREV, verglich eine Einladung zur einmaligen Darmspiegelung mit einem Programm aus zweijährlichen FIT-Stuhltests. Nach zehn Jahren war das FIT-Programm hinsichtlich der Darmkrebssterblichkeit innerhalb der vorab festgelegten Studiengrenze nicht unterlegen. Die Teilnahme war in der FIT-Gruppe höher. [3]
Das bedeutet nicht, dass ein einzelner Stuhltest eine Darmspiegelung vollständig ersetzt. Es zeigt vielmehr: Auch die regelmässige Teilnahme und die konsequente Abklärung auffälliger Ergebnisse entscheiden über den Nutzen eines Vorsorgeprogramms.
Nutzen und Risiken gehören zusammen
Eine Darmspiegelung ist nicht risikofrei. Mögliche Komplikationen sind Blutungen, Verletzungen der Darmwand und Probleme im Zusammenhang mit Beruhigungsmitteln.
In der Zehn-Jahres-Veröffentlichung von NordICC wurden 15 schwere Blutungen nach Polypenentfernung berichtet. Innerhalb von 30 Tagen wurden keine Darmperforationen oder untersuchungsbedingten Todesfälle beobachtet. Daraus folgt jedoch nicht, dass solche Komplikationen grundsätzlich ausgeschlossen sind. [1]
Welche Untersuchung zu dir passt, solltest du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt besprechen – unter Berücksichtigung von Alter, Vorerkrankungen, familiärer Belastung und bisherigen Befunden.
Fazit: Gute Forschung stärkt informierte Entscheidungen
Die NordICC-Ergebnisse schaden der Früherkennung nicht. Problematisch wird es, wenn sie verkürzt als «Darmspiegelungen bringen nichts» oder als uneingeschränktes Erfolgsversprechen dargestellt werden.
Gute Vorsorge braucht verständliche Informationen über Nutzen, Grenzen und Risiken. Besprich deine Möglichkeiten und wähle einen Weg, den du zuverlässig wahrnehmen kannst.
Bei Blut im Stuhl, anhaltenden Veränderungen der Stuhlgewohnheiten oder ungeklärtem Gewichtsverlust solltest du ärztliche Hilfe suchen – unabhängig davon, wann die nächste Vorsorge vorgesehen ist. Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Informationen
Die Einordnung stützt sich auf die Originalstudien und ihre veröffentlichten Zusammenfassungen. Der Medical-Tribune-Beitrag wird als fachjournalistische Quelle gesondert ausgewiesen.
- Bretthauer M et al. (2022): Effect of Colonoscopy Screening on Risks of Colorectal Cancer and Related Death. New England Journal of Medicine, 387:1547–1556. NordICC: Zehn-Jahres-Auswertung. Originalstudie, DOI: 10.1056/NEJMoa2208375. Studienzusammenfassung bei PubMed.
- Kaminski MF et al. (2026): Long-term effects of colonoscopy screening on colorectal cancer incidence and mortality: a multicountry, population-based randomised controlled trial. The Lancet, 407:1787–1795. NordICC: 13-Jahres-Auswertung. Originalstudie, DOI: 10.1016/S0140-6736(26)00508-8. Studienzusammenfassung bei PubMed.
- Castells A et al. (2025): Effect of invitation to colonoscopy versus faecal immunochemical test screening on colorectal cancer mortality (COLONPREV): a pragmatic, randomised, controlled, non-inferiority trial. The Lancet, 405:1231–1239. Originalstudie, DOI: 10.1016/S0140-6736(25)00145-X. Studienzusammenfassung bei PubMed.
- Medical Tribune / Lara Sommer (2024): NordICC-Ergebnisse: Hilfe oder Hindernis für die Darmkrebsvorsorge? Fachjournalistische Einordnung der damaligen Ergebnisse und Expertenpositionen vom Deutschen Krebskongress 2024. Zum Ausgangsbeitrag.
Die Studien untersuchen definierte Bevölkerungsgruppen und Vorsorgeprogramme. Ihre Ergebnisse sind keine individuelle Schutzgarantie. Medizinische Entscheidungen sollten auf deiner persönlichen Ausgangslage beruhen.
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